Als Jungs einfach das Beste aus dem Krieg gemacht

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Hans Hahn

Jg.1934

Hans Hahn wurde in der Hombrucher Straße geboren, die Familie zog aber Zum Mühlenheck 11. Bei Kriegsbeginn war Hans fünf Jahre alt und bekam mit, dass der Vater Johann kriegswichtig war. Als Bergmann musste er nämlich nicht in den Krieg. Irgendwie im Zusammenhang mit drohenden Angriffen wurden Mutter Klara und Hans in den angeblich sichereren Schwarzwald geschickt und bei einer Familie Rock in Bondorf bei Freiburg einquartiert. Die Familie war nett, aber die Mutter vertrug das Wasser dort nicht, und als der Vater am Telefon meinte,“ Hier im Ruhrgebiet ist nicht viel los“, fuhren beide zurück nach Dortmund. Kurz darauf tuschelte man, der Vater habe wohl „sein Herz auf der Zunge“ gehabt, und irgendetwas Falsches über den Angriff auf Russland gesagt, denn Vater Hahn wurde doch eingezogen und musste 1942 in den Krieg. Er war erst bei der Marine, landete aber dann bei der Bekämpfung von Partisanen in Jugoslawien. Viel hat er davon nicht erzählt, nur, dass keine Seite Gefangene machte, getötet wurde sofort. Vielleicht hat der Vater all die Brutalität nur einigermaßen überlebt, weil er und ein Kamerad einander versprachen „Wenn wir hier heile rauskommen, dann bleiben wir Freunde bis an unser Lebensende.“ Bevor die ersten Bomben auf Dortmund im Mai 1943 fielen, fanden die Kinder es spannend zu sehen, wie die Flak-Geschütze aufgebaut wurden und nachts mit ihrem gewaltigen Lichtstrahl den Himmel absuchten. An der Großholthauser Straße stand noch eine Vierlings Flak zur Abwehr von Tieffliegern. Züge standen tagsüber in Tunneln, wenn sie nicht fuhren. Einmal war da ein Zug „mit Rübenkraut“, wie die Jungen sagten. Also stellten sie sich in die Schlange der Leute, die wussten, wo das „Rübenkraut“ rauslief an, jeder bekam eine Milchkanne voll! Das war so lecker, dass der Eimer schnell leer genascht war. Aber – das weiß der 84-jährige noch heute – wir „kamen nachts vom Pott nicht runter!“ Das Zeug war nämlich Melasse zur Zuckerherstellung und hatte eine durchschlagende Wirkung.

Als es ernster wurde und immer öfter der Bunker an der Grotenbachstraße aufgesucht werden musste, war der Spaß vorbei. Sicherheitshalber halb angezogen ins Bett gehen ging ja noch, am Anfang war es auch toll, dass die Schule ausfiel, aber zwei Jahre „keine Schule ist auch nicht schön.“  Vor allem Klassenlehrerin Frau Preising von der Gebrüder-Grimm-Schule war so nett gewesen. Genug zu essen gab es auch nicht, wenn nach einem Bombenangriff verletzte oder tote Tiere herumlagen, benutzten die Erwachsenen ihre Ellbogen und schubsten die Kinder gierig  zur Seite, um sich die besten Fleischstücke herauszuschneiden. 

Von den Leichen spricht Hans Hahn nicht. Bei einem Fliegeralarm 1944 konnte Hans im Rennen zum Bunker sehen, wie ein Flieger über ihnen die Bomben ausklinkte, ein Mann schrie „Hinlegen!“, er warf sich auf den Boden vor Haus Köbernick, Grassoden flogen um ihn herum, dann schrie der Mann „Jetzt wieder weiter!“ und Hans erreichte den Bunker. Aber – oh Schreck! - Mutter und der eineinhalb Jahre jüngere Bruder Helmut waren nicht mehr bei ihm. Als der Zehnjährige den Bunker wieder verließ, sah er, dass mehrere Häuser zerstört waren. Umso mehr war er heilfroh, als er Mutter und Bruder unversehrt zuhause vorfand: Sie hatten sich in ein Fachwerkhaus geflüchtet ´. Und die Mutter erzählte, im Keller hätten sie Angst gehabt, das Haus würde einstürzen, die Wände hätten sich unter dem Druck der Bombe bewegt, aber standgehalten. Nach einem Bombenangriff war das Nachbarhaus Zum Mühlenheck 7 (?) „platt“, der Familienvater, der Nachtschicht gehabt hatte und trotz Alarm im Haus geblieben war und schlief, war tot. Ein Schock auch für die Nachbarn. Ein paar Tage später fanden die Jungen einen menschlichen Finger mit Ring. „Das war schon schlimm.“ Aber die Jungen hatten manchmal auch ihren Spaß, z.B. wenn sie im Grotenbach dubiose Klumpen Fett fanden, die zuhause für Bratkartoffeln heißgemacht wurden oder wenn der Löschteich Ecke Schleppbahn- und Deutsch-Luxemburger Straße ausgetrocknet war und sie Sechs-Tage-Rennen im Rondell veranstalteten. Nicht lustig war es, das verzweifelte Muhen der Kühe hinter dem Freibad am Froschloch zu hören, denn es waren nicht genug Leute da, die sie vom Schmerzen erlösen und melken konnten. Und die Juden in Hombruch? Hans war wohl zu jung. „Wir sind oft durch den Rombergpark spaziert. Einmal war das Torhaus zu, angeblich wegen Bombenentschärfung geschlossen.“ Aber er hat mitbekommen, dass von Erschießungen die Rede war, dass die Opfer sich an den Rand einer großen Grube stellen mussten und durch Genickschuss getötet wurden. Als der Krieg für Hombruch im April 1945 zu Ende war, wollte ein Nazi noch zum Zeichen des Widerstands trotzig die Reichsfahne hissen, der wäre fast gelyncht worden. Andere wurden von den kriegsmüden Mitbürgern nicht gestoppt, so dass die Jungen eines Tages ein paar tote amerikanische Soldaten am Grotenbach fanden. Einer der Jungen wagte es sich zu nähern und den Toten sogar die Patronen aus dem Gürtel zu ziehen, mit dem Schießpulver haben sie dann Feuerwerk gespielt. Vom Vater war immer weniger Feldpost gekommen, nach Kriegsende war er einige Monate in Gefangenschaft auf Fehmarn, konnte aber dann nach Hause zurück. Mit nur einer kleinen Verletzung an der Hand hatte er mehr Glück gehabt als manch anderer, der schwerer versehrt war oder gar nicht mehr heimkehren konnte – so wie der Onkel, der in Russland vermisst blieb.

B. Leyh 6/17